Baum des Wissens basierend auf der französischen Enzyklopädie von 1780. Quelle: Essai d'une Distribution Genealogique des Sciences et des Arts Principaux, 1769-1780.

1. Ihr Fach gehört zu den sogenannten kleinen Fächern. Bitte stellen Sie uns Ihr Fach in wenigen Sätzen vor.

Die Wissenschaft bestimmt heutzutage in hohem Maße unser gesellschaftliches Leben. Inwiefern und inwieweit können wir den Resultaten der Wissenschaft vertrauen? Worin unterscheidet sich genuine Wissenschaft von Pseudowissenschaft? Fragen wie diese werden von der Wissenschaftstheorie bzw. Wissenschaftsphilosophie untersucht. Diese Disziplin untersucht die Funktionsweise wissenschaftlicher Erkenntnis, ihre Zielsetzungen und ihre Methoden, ihre Leistungen und ihre Grenzen. So wie die Wissenschaften selbst hat sich auch die Wissenschaftstheorie aus der Philosophie heraus entwickelt und wird heute arbeitsteilig sowohl von Wissenschaftsphilosophen wie von Einzelwissenschaftlern betrieben.

Wichtige Arbeitsmethoden der Wissenschaftstheorie sind die Erarbeitung logisch-formaler Modelle sowie die Analyse historischer Fallbeispiele. Man unterscheidet zwischen allgemeiner und spezieller Wissenschaftstheorie. Spezielle Wissenschaftstheorien sind auf einzelne Disziplingattungen bezogen, wie z.B. die Physik, Biologie, Psychologie, oder Human- und Sozialwissenschaften. Die allgemeine Wissenschaftstheorie fragt nach jenen Erkenntnisbestandteilen, die allen Wissenschaftsdisziplinen mehr oder weniger gemeinsam sind. Ihre Hauptfragen sind unter anderem die folgenden:

(i) Wie ist eine wissenschaftliche Sprache aufgebaut?

(ii) Was sind die Regeln für die Gültigkeit eines Argumentes?

(iii) Was zeichnet eine wissenschaftliche Beobachtung aus?(iv) Worin besteht eine Gesetzeshypothese, und worin eine Theorie?

(v) Wie werden Gesetzeshypothesen und Theorien empirisch überprüft?

(vi) Was leistet eine wissenschaftliche Voraussage, was eine Kausalerklärung?

(vii) Worin besteht Theorienfortschritt in der Wissenschaftsentwicklung?

(viii) Inwieweit findet im wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt eine Annäherung an die objektive Wahrheit statt

(ix) Ist Wissenschaft wertneutral, oder kann Wissenschaft auch Werte begründen? 

(x) Wodurch unterscheidet sich Wissenschaft von Pseudowissenschaft, politischer Ideologie oder subjektivem Glauben?

2. Welche Rahmenbedingungen an Ihrem Fachstandort wirken sich wesentlich auf Ihre Lehr- und Forschungspraxis aus? Wie beurteilen Sie diese?

Die Wissenschaftstheorie bzw. Wissenschaftsphilosophie wird an Universitäten vorwiegend als Teilgebiet der Philosophie gelehrt, an wenigen Instituten wird sie auch als eigenes Masterstudium angeboten. Die Logik und Wissenschaftstheorie haben seit langem eine gewisse Eigenständigkeit; die Eigenständigkeit geht aber nicht soweit, dass von einer Loslösung von der Philosophie gesprochen werden kann. Für die Eigenständigkeit spricht, dass die Wissenschaftstheorie, einschließlich der Logik und Methodologie, nicht nur in der Philosophie, sondern auch in verschiedenen Einzelwissenschaften betrieben wird. In vielen Disziplinen (z.B. in den Sozialwissenschaften, der Psychologie, der Biologie oder der Physik) gibt es anhaltende wissenschaftstheoretische Kontroversen zu zentralen Themen dieser Fächergruppen. Es gibt auch weltweit eigenständige Vereinigungen für Wissenschaftstheorie, die regelmäßig Konferenzen organisieren; neben unserer deutschsprachigen Gesellschaft für Wissenschaftsphilosophie (GWP), die DLMPST (Division for Logic, Methodology and Philosophy of Science and Technology of the International Union for History and Philosophy of Science and Technology), die EPSA (European Philosophy of Science Association), die BSPS (British Society for the Philosophy of Science), die PSA (Philosophy of Science Association) in den USA, sowie viele weitere nationale Vereinigungen für Wissenschaftsphilosophie bzw. Philosophy of Science (z.B. in Italien, Schweiz, Frankreich, Spanien, u.a.m.). Während all dies für die Eigenständigkeit der Wissenschaftstheorie spricht, ist die Mutterdisziplin der Disziplin in jedem Fall die Philosophie, insbesondere die formale, analytische und theoretische Philosophie. Die Wissenschaftstheorie ist von der Philosophie nicht abgelöst; sie überlappt sich sowohl mit der Logik, Erkenntnistheorie und kognitiven Wissenschaft, und in ihrem praktischen Anteil mit der Wertphilosophie und Ethik. Die Anbindung an die Philosophie sorgt für die kontinuierliche Weiterführung des wissenschaftstheoretischen Wissens und Diskurses in Lehre und Forschung. Umgekehrt sorgt die Wissenschaftstheorie für die kontinuierliche Anbindung der Philosophie an die stürmischen Neuentwicklungen in den Wissenschaften und damit für die Lieferungen von neuen philosophischen Forschungsimpulsen.

3. Was spricht Ihres Erachtens dafür oder dagegen, dass Ihr Fach in der Öffentlichkeit und innerhalb des deutschen Hochschulsystems angemessen wahrgenommen wird?

Dafür spricht die Tatsache, dass die Wissenschaftstheorie zu den aktivsten Teilen der akademischen Philosophie zählt und durch ihre Verbundenheit mit anderen Wissenschaftsdisziplinen die interdisziplinäre Relevanz der Philosophie sicherstellt. Dafür spricht auch die Tatsache, dass Wissenschaftstheorie auch in anderen Fächern betrieben wird. Auch in der breiteren Öffentlichkeit spielt die Wissenschaftstheorie eine wichtige Rolle. Zwei gesellschaftliche Anwendungen der Wissenschaftstheorie seien besonders hervorgehoben:

(a) Das wissenschaftstheoretische Abgrenzungsproblem besteht in der Frage, welche Teile unseres Ideengutes den Status objektiv-wissenschaftlicher Erkenntnis beanspruchen dürfen, im Gegensatz zu subjektiven Werthaltungen, parteilichen Ideologien oder religiösen Überzeugungen. Brisant wurde diese Frage z.B. in der Auseinandersetzung mit der Bewegung des Kreationismus in den USA: beispielsweise berief sich die berühmte Entscheidung des Richters W. R. Overton von 1981 auf Abgrenzungskriterien von Wissenschaft gegenüber religiösem Glauben.

(b) Ebenso bedeutend ist die Funktion von wissenschaftstheoretischer Aufklärung, um der Gefahr des ideologischen Missbrauchs von Wissenschaft und ihren Resultaten entgegenzuwirken.

Eine negative Auswirkung für die Breitenwirkung der Wissenschaftstheorie hat die Tatsache, dass die Wissenschaftstheorie als Teilgebiet der Philosophie gegenwärtig fast ausschließlich nur an geisteswissenschaftlichen Fakultäten gelehrt wird, wogegen sie inhaltlich den anderen Wissenschaftsgruppen, den Sozialwissenschaften, Wirtschaftswissenschaften und insbesondere Naturwissenschaften, mindestens ebenso nahe steht wie den Geisteswissenschaften. Es gab gelegentliche Versuche, die Wissenschaftsphilosophie oder Philosophie insgesamt auch an naturwissenschaftlichen Fakultäten als Fach zu installieren, die sich aber bisher nicht durchsetzen konnten.

4. Haben Sie den Eindruck, dass die Vernetzung mit anderen Fächern einen Mehrwert für Ihr eigenes Fach bedeutet? Welche Kooperationsformen sind in diesem Zusammenhang für Sie interessant und mit Blick auf Ihren Fachgegenstand besonders geeignet?

Aus den oben genannten und dort ausführlich erläuterten Gründen ist die Vernetzung mit anderen Wissenschaftsdisziplinen für die Wissenschaftstheorie bzw. Wissenschaftsphilosophie enorm wichtig, geradezu lebenswichtig.

5. Wie sehen Sie die Zukunft Ihres Fachs? Welche Entwicklungen und Herausforderungen zeichnen sich für Sie ab? Was wäre Ihres Erachtens für eine positive Entwicklung Ihres Fachs hilfreich?

Die Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsphilosophie ist in zunehmendem Wachstum begriffen. Die Zukunft dieses Faches ist daher äußerst positiv und optimistisch zu beurteilen. Für eine positive Entwicklung des Faches wäre es hilfreich, wenn dieses Fach auch an naturwissenschaftlichen oder sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten angeboten werden würde, zusammen mit anderen für diese Disziplinen relevanten Teilgebieten der Philosophie. Auch in Forschungsverbundprojekten spielen WissenschaftstheoretikerInnen eine zentrale Rolle, insbesondere in Hinblick auf Fragen der interdisziplinären Wissensvermittlung, transdisziplinären Wissensverallgemeinerung und gesellschaftspraktischen Umsetzung wissenschaftlichen Wissens. Diese Rolle der Wissenschaftsphilosophie ist kontinuierlich weiterzuführen und auszubauen. Auf keinen Fall sollten sich WissenschaftstheorikerInnen in den Elfenbeinturm von realitätsfern zurechtkonstruierten begriffsanalytischen Fragen zurückziehen, die in der realen Wissenschaft keine Rolle spielen.

Quelle: Gerhard Schurz

Dr. Gerhard Schurz ist seit April 2000 Professor für theoretische Philosophie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Zuvor war er an der Universität Erfurt als Professor tätig (März 2000 bis März 2002). Darüber hinaus hatte er Gastprofessuren an der University of California at Irvine (1989/90) und der Yale University (1999) inne. Seit 2012 ist er Direktor des Duesseldorf Center for Logic and Philosophy of Science. Darüber hinaus ist er seit 2016 Präsident der Gesellschaft für Wissenschaftsphilosophie (GWP). Weitere Infos finden sich auf der Institutsseite Philosophie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.