Dionysostheater, Photo: Christiane Hackel

1.   Ihr Fach gehört zu den sogenannten kleinen Fächern. Bitte stellen Sie uns Ihr Fach in wenigen Sätzen vor.

Mein Fach ist die Gräzistik (ich lehre an der Humboldt-Universität Berlin). Gegenstand der Gräzistik, die manche auch ‚Altgriechisch‘ nennen, ist die Schriftsprache und Literatur des Griechischen, von etwa 700 v.Chr. bis ins 6. Jh. n.Chr., also gute 1200 Jahre. Die thematische Breite dieser Literatur ist enorm: von Homer bis zur Mathematik eines Euklid oder Archimedes, von den Dramen eines Sophokles bis zu magischen Papyri, von den Geschichtsentwürfen des Herodot bis zu Handbüchern über Pulslehre bei Galen. Die Gräzistik hat einen linguistischen Zweig, der sich mit der Sprache selbst und der Sprachentwicklung im indoeuropäischen Kontext befasst, einen textwissenschaftlichen, dem es um die Sicherung der überlieferten Texte, ihrer Träger und, gelegentlich, die Edition von Neufunden, geht und schließlich einen literaturwissenschaftlichen, der die griechischen Texte interpretiert. Natürlich hängen alle drei vielfältig zusammen und natürlich differenziert eine immer weiter zunehmende Spezialisierung dieser Teilgebiete die Gräzistik in immer kleinere, immer intensiver erforschte Teildisziplinen aus. Da sie vor allem mit ‚Klassikern‘ befasst war, besaß die Gräzistik mehrheitlich aber immer den Charakter einer Deutungswissenschaft, d.h. befasste sich mit der Konstruktion von Sinn, was dazu führte, dass sie bis heute besonders offen für Theorieangebote kulturwissenschaftlicher Provenienz ist. Die Gräzistik berührt sich mit den Nachbardisziplinen der sog. ‚Klassischen Altertumswissenschaft‘, d.h. der Latinistik, der klassischen Archäologie, der sog. ‚alten‘ Geschichte, der antiken Philosophie und der Theologie. Weil sie Wissensbestände hütet, die im Laufe europäischer Kanonisierungen immer wieder transformiert wurden, finden sich zahlreiche Verbindungen zu den Disziplinen, die diese Transformationen betrachten, etwa zur Germanistik und zur vergleichenden Literaturwissenschaft.

Wie ihre größere Schwester, die Latinistik, ist die Gräzistik ein Schulfach, einst ein Herzstück des humanistischen Gymnasiums, das in der Schule allerdings zumindest quantitativ seine großen Tage hinter sich hat. Dennoch qualifiziert sich der Großteil der gräzistischen Studierenden für den Lehrerberuf, was wiederum Auswirkungen auf den akademischen Stellenmarkt und entsprechend die universitären Curricula hat. Überdies sorgt der gymnasiale Stellenmarkt immer noch, im Rahmen dessen, was man von einem ‚kleinen Fach‘ erwarten kann, für ein akzeptabel zu kalkulierendes Jobrisiko, so dass es so wenige Studierende nicht gibt (an der HU sind derzeit über 100 eingeschrieben). Unter den ‚kleinen Fächern‘ ist die Gräzistik ein großes.

2.   Welche Rahmenbedingungen an Ihrem Fachstandort wirken sich wesentlich auf Ihre Lehr- und Forschungspraxis aus? Wie beurteilen Sie diese?

Berlin hat den großen Vorteil, mehrere große Institutionen zu beherbergen, die sich mit der griechisch-römischen Antike beschäftigen: zwei Universitäten mit gräzistischen Lehrstühlen, die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften mit ihren editorischen Großprojekten, allen voran der Sammlung der griechischen Inschriften, und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit ihren verschiedenen Sammlungen, etwa einer riesigen Papyri-Sammlung. Die Lehrpraxis kann alle diese Ressourcen einbeziehen, zugleich nehmen die Kolleg*innen, die in diesen Institutionen arbeiten, häufig Lehraufträge an den Berliner Universitäten wahr. Wir können deshalb ein sehr breites Lehrangebot bieten, das gerade auch internationale Studierende anzieht. Die Forschung profitiert von der Menge der Forschenden in Berlin: Zu jedem denkbaren Thema findet sich vor Ort ein Diskussionspartner; internationale Koryphäen nehmen an den zahlreichen Tagungen teil oder verbringen Forschungsaufenthalte hier im Rahmen der vielen research fellowships. In den letzten Jahren haben vor allen große, interdisziplinäre Forschungsverbünde zu den Themen des antiken Raumes, der Transformation antiker Wissensbestände in die Moderne oder der Zeitwahrnehmung mit ihren jeweiligen finanziellen Ressourcen Brückenschläge über institutionelle und disziplinäre Grenzen ermöglicht. Diese Verbünde haben zu einer sehr lebendigen, zunehmend internationalen Antikenszene in Berlin beigetragen.

3.   Was spricht Ihres Erachtens dafür oder dagegen, dass Ihr Fach in der Öffentlichkeit und innerhalb des deutschen Hochschulsystems angemessen wahrgenommen wird?

Bei der Beantwortung dieser Frage macht mir der Begriff ‚angemessen‘ Schwierigkeiten. Ein Professor für Zahnmedizin etwa oder für Maschinenbau wundert sich sicher darüber, dass es die Gräzistik überhaupt gibt. Sein Affekt könnte in etwa dem gleichen, mit dem die Gräzistin den gelegentlichen Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft betrachtet. Wer die altgriechische Literatur erforscht, freut sich oft, überhaupt wahrgenommen zu werden. Die Öffentlichkeit bemerkt uns am ehesten, wenn in Theatern griechische Tragödien gespielt werden, in den Feuilletons der ‚guten‘ Tageszeitungen Homer- oder Vergilliteratur geistreich besprochen wird oder Inszenierungen von Antike, auf deutschen Theaterbühnen oder in (meist) amerikanischen Kinofilmen, kritisiert werden. Das könnte man für ‚angemessen‘ halten. In universitären Kontexten sieht es noch etwas besser aus: Oft sind Gräzist*innen an Forschungsverbünden beteiligt, in denen sie Anfangssituationen des jeweiligen Themas erforschen und an die Kolleg*innen vermitteln: Ohne Griechisch gibt es im europäischen Kontext keine Literaturkomparatistik mit perspektivischem, etwa historischem, Niveau; auch die Wissenschaftsgeschichte hat, wenn sie die longue durée eines Phänomens untersucht, meist gräzistische Themen zu berücksichtigen. Man wird sehen müssen, wie diese Partizipationskonventionen in ca. 30 Jahren aussehen, wenn vielleicht nicht nur das Griechische an deutschen Schulen weitestgehend ausgestorben ist, sondern auch das Bewusstsein, dass es sich um eine Sprache und Literatur europäischer Anfänge handelt, angesichts zunehmender Globalisierung und drückender Zukunftsprobleme zunehmend für irrelevant gilt.

4.   Haben Sie den Eindruck, dass die Vernetzung mit anderen Fächern einen Mehrwert für Ihr eigenes Fach bedeutet? Welche Kooperationsformen sind in diesem Zusammenhang für Sie interessant und mit Blick auf Ihren Fachgegenstand besonders geeignet?

Austausch und Kontakt ("Vernetzung“ kenne ich nur als Konzept interpersoneller Kommunikation) mit anderen Fächern ist für die wissenschaftliche Entwicklung der Gräzistik auf allen Feldern essenziell. In der Regel bewegt sich die Forschung dabei in einem Zickzackkurs: Man importiert aus anderen Disziplinen Konzepte, die man an das eigene Fragenfeld heranträgt und dabei modifizieren muss. Umgekehrt kann die Gräzistik selbst eigene Modelle und Forschungsergebnisse an die Gegenstände anderer Disziplinen herantragen. Heute sind aber aufgrund der Spezialisierung jeweils andere Personenkreise an den verschiedenen Im- und Exportströmen beteiligt. Es fehlt zunehmend an Gräzist*innen, die einen Überblick über das Gesamtfeld besitzen. Für meine eigene Arbeit sind Theorieimporte aus der älteren Soziologie, speziell Bourdieu‘scher Prägung und, mehr in Form von Spielereien, die Systemtheorie Luhmanns von Bedeutung.

5.   Wie sehen Sie die Zukunft Ihres Fachs? Welche Entwicklungen und Herausforderungen zeichnen sich für Sie ab? Was wäre Ihres Erachtens für eine positive Entwicklung Ihres Fachs hilfreich?

Ich sehe in der Zukunft meines Fachs vier zentrale Problemfelder, die alle mit der Stellung einer deutschen Gräzistik im internationalen Forschungsfeld zusammenhängen:

(a) Schwund praktizierender Gräzist*innen: Die Gräzistik, die sich einst als ‚Leitwissenschaft‘ verstand, was viel mit deutschem Kulturchauvinismus zu tun hatte, verliert seit den 60er Jahren ständig an Bedeutung und Breitenwirkung. Verabschiedet sich die Gräzistik mangels Interesse komplett aus der Schule, wird sie sich eher wie andere historische Literaturwissenschaften entwickeln, etwa Mittellatein oder Altorientalistik, d.h. methodisch den Rückschritt zu einem aufgeklärten Positivismus machen. Wenn der ‚klassische deutsche Kanon‘ verschwunden ist, wird auch die Gräzistin sich nicht mehr auf eine ausgezeichnete Dignität ihres Gegenstands berufen können. Dann bleibt endlich nur der Appellcharakter produktiver Sachforschung.

Noch besetzt die Gräzistik 33 Lehrstühle an 31 deutschen Standorten. Dieses Netz kann noch eine halbwegs angemessene Repräsentation der Wissensbestände und ihrer kritischen Diskussion garantieren, aber eigentlich ist es schon jetzt zu klein (und überhaupt wäre zu fragen, ob das Lehrstuhl-System, das etwa in den Ingenieurswissenschaften oder in der Pharmazie seine Berechtigung haben mag, für die Geisteswissenschaften adäquat ist, die ja letztlich von flachen Hierarchien profitieren). Angesichts geringer Studierendenzahlen werden aber auch diese Kennzahlen in ein, zwei Generationen zurückgehen. Wie genügend Forscher übrigbleiben, um bei weiter erfolgender Spezialisierung die derzeitigen Diskussionen auf dem gebotenen Niveau weiterzuführen, wird eine der Zukunftsfragen der Zunft sein. Meines Erachtens kann dieses Problem nur eine konsequente Internationalisierung lösen, d.h. die deutsche Gräzistik müsste aufhören, sich als spezifisch deutsche Gräzistik zu verstehen.

(b) Wissenschaftlicher Nachwuchs: Administrativ sehe ich, angesichts immer neuer Exzellenzstrategien und Drittmittelerfolge, eine Herausforderung darin, die Doktorandenausbildung stärker in die Forschung zu integrieren und ein funktionierendes PostDoc-Wesen zu etablieren. Derzeit firmieren beide aus universitätsadministrativer Sicht als marginale Felder professoraler Beschäftigung; die genannten Personengruppen gelten aus Verwaltungssicht als irrelevant. Die Habilitation funktioniert, zusammen mit einer fehlenden tenure track-Regelung, immer noch als Abschottung des deutschen akademischen Stellenmarkts gegenüber v.a. angloamerikanischen Bewerbern. Die Rolle nicht nachhaltiger Drittmittelforschung in diesem Prozess, die in kürzeren oder längeren Zyklen verhältnismäßig große Geldmittel in den Markt pumpt, um die Absolventen, meist doctores philosophiae, dann wieder auf dem Trockenen zappeln zu lassen, ist ambivalent. Forschung braucht Zeit, und das gilt inzwischen zunehmend auch für Qualifikationsschriften. Wer sich im 21. Jh. auf so etwas Seltsames und scheinbar aus der Zeit Gefallenes wie die Gräzistik einlässt, fragt berechtigt nach einem Mindestmaß an ökonomischer Sicherheit: d.h. es muss mehr Dauerstellen geben, ggf. auf niedrigerem Ausstattungsniveau.

(c) der Untergang des Deutschen als Wissenschaftssprache: Die Romantiker hatten eine besondere Nähe von Deutschen und (alten) Griechen behauptet, wobei auch die Sprache eine wichtige Rolle spielte. Solchen Argumenten mag man sich heute nicht mehr anschließen. So ist langsam ein Stadium der Wissenschaftskommunikation erreicht, in dem das Deutsche als Wissenschaftssprache der Klassischen Philologie selbst zur Disposition steht. Angesichts des Zusammenrückens akademischer Gemeinschaften über Ländergrenzen hinweg zeigt sich zunehmend, dass das Deutsche, ähnlich wie vor längerer Zeit das Niederländische oder das Dänische, eher als Mobilitäts- und Kommunikationshemmnis fungiert. Es wäre an der Zeit, den Stier bei den Hörnern zu packen und im Schriftlichen konsequent zu einer englischsprachigen Wissenschaftsprosa überzugehen, wobei dieser Übergang bereits im Studium zu implementieren wäre. Andere Disziplinen sind diesen Schritt schon vor langer Zeit gegangen.

(d) Die (vergehende) Glorie der deutschen Gräzistik zeigt sich auch an einer reichen Verlags- und Zeitschriftenlandschaft, die zur deutschen Entwicklung der Geisteswissenschaften untrennbar dazu gehört. Namen wie ‚Rheinisches Museum der Philologie‘, ‚Hermes‘, ‚Weidmann‘ oder ‚Teubner‘ stehen für ganze Forschungsprogramme der Zeit von der ersten Hälfte des 19. Jh. bis in die Wendezeit. Im Zeitalter digitaler Kommunikation, der Selbstarchivierung von Publikationen und der gesamteuropäischen Bewegung für Open Access gibt es aber zunehmend gute Gründe, auf gediegene Traditionalität zu verzichten, vor allem wenn es um schnelle Verbreitung und den einfachen und günstigen Zugang zu Forschung außerhalb von Bibliotheken und geschlossenen Fachgesellschaften geht. Russische oder südamerikanische Institutionen können sich unsere Publikationen oft nicht leisten; hier würde Open Access einen großen Fortschritt ermöglichen. Freilich stellt sich die Frage, wie in einem deregulierten Publikationskosmos die Qualitätssicherung funktionieren könnte. Möglicherweise aber kann man diese Entscheidung einfach der Leserschaft überlassen.

Photo: Bernd Wannenmacher

Markus Asper ist nach Professuren an der Pennsylvania State University und New York University seit 2010 Professor für Gräzistik am Institut für Klassische Philologie der Humboldt-Universität zu Berlin. Seine Arbeitsschwerpunkte sind hellenistische Dichtung und griechische Wissenschaftsliteratur.