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Ihr Fach gehört zu den sogenannten kleinen Fächern. Bitte stellen Sie uns Ihr Fach in wenigen Sätzen vor.

Die Sportökonomie ist eine interdisziplinäre wissenschaftliche Disziplin, die sich mit der Anwendung von ökonomischen Theorien und Methoden auf den Sport beschäftigt. Ziel der Sportökonomie ist es, die wirtschaftlichen Aspekte des Sports zu analysieren, zu verstehen und zu optimieren. Dabei werden die kommerziellen Aspekte des Sports, die Effizienz von Sportligen und -verbänden, die Gerechtigkeit von Leistungsbewertung und Entlohnung, als auch die gesellschaftlichen Auswirkungen des Sports untersucht. Die Sportökonomie nutzt dabei insbesondere Modelle und Methoden aus der Mikroökonomie, der Makroökonomie und der Statistik.

Welche Rahmenbedingungen an Ihrem Fachstandort wirken sich wesentlich auf Ihre Lehr- und Forschungspraxis aus? Wie beurteilen Sie diese?

Die Sportökonomie kann entweder den Wirtschaftswissenschaften oder der Sportwissenschaft zugeordnet werden. Folglich der Disziplinzugehörigkeit am jeweiligen Hochschulstandort ergeben sich unterschiedliche Rahmenbedingungen für die Lehre und Forschung. An der Universität Bielefeld ist die Sportökonomie Teil der Sportwissenschaft. Entsprechend sind der Bachelor-Studiengang „Wirtschaft und Gesellschaft“ und der Master-Studiengang „Organisationsentwicklung und Management“ sportwissenschaftliche Studiengänge. Folgerichtig ist der Fokus in den Studiengängen nicht rein ökonomisch, sondern auch auf benachbarte Felder in der Sportwissenschaft ausgerichtet, wie zum Beispiel das Sportmanagement, das Sportmarketing und die Sportsoziologie. Ökonomische Inhalte werden in den Studiengängen an der Universität Bielefeld auch aus der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften importiert, insbesondere zu Fächern mit Fokus auf Datenanalyse. Dieses Konstrukt hat sich für die Studierenden in der Vergangenheit sehr bewährt, die Nachfrage nach den Studiengängen, aber auch nach Absolvent*innen auf dem Arbeitsmarkt ist konstant sehr hoch. Eine alternative Einbettung der Lerninhalte in Abschlüsse der Wirtschaftswissenschaften wäre als ähnlich sinnvoll einzuschätzen.

In der Forschung gibt es neben Kooperationsmöglichkeiten innerhalb der Sportwissenschaft (z.B. zur Sportpsychologie oder Sportsoziologie) erfolgreiche Zusammenarbeit mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus den Wirtschaftswissenschaften. Letztere haben sich in der Vergangenheit als besonders fruchtbar erwiesen, da z.B. Drittmittelanträge erfolgreich bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft bei ökonomischen Fachgremien eingereicht werden können. Für die Sportwissenschaft existiert ein Fachgremium bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft derzeit (noch) nicht.

Was spricht Ihres Erachtens dafür oder dagegen, dass Ihr Fach in der Öffentlichkeit und innerhalb des deutschen Hochschulsystems angemessen wahrgenommen wird?

Deutsche Wissenschaftler*innen sind nach Forscher*innen aus den USA und in etwa gleichauf mit England die am häufigsten vertretene Nation hinsichtlich internationaler Zeitschriftenpublikationen und Positionen in internationalen Fachgesellschaften. Die Wahrnehmung der Fachvertreter*innen aus Deutschland ist in der Sportökonomie folglich groß.

Entgegen dieser Forschungsstärke deutschsprachiger Wissenschaftler*innen ist die Wahrnehmung der Sportökonomie im Hochschulsystem noch verhältnismäßig gering. Diese Unterrepräsentanz an deutschen Hochschulen lässt sich bisweilen dadurch erkennen, dass viele international sehr sichtbare Forschende des Faches an Lehrstühlen ohne direkten fachlichen Bezug oder Lehrbezug zur Sportökonomie beschäftigt sind. Dies wird nötig, weil Professuren für die Sportökonomie nur in geringem Umfang existieren. Kombiniert mit dem Wissen um die hohe Nachfrage nach Studienplätzen verwundert es umso mehr, dass an vielen Standorten keine oder keine konsekutiven Studiengänge das Fach abdecken. So zeigen sich gerade im professionellen Sport eine starke Kommerzialisierung und Bedarfe an gut ausgebildeten Hochschulabsolvent*innen. Dies haben private Bildungsinstitutionen schnell erkannt und bieten vergleichsweise umfangreich entsprechende Studienangebote.

Die öffentliche Wahrnehmung des Faches ist vergleichsweise hoch. So werden Wissenschaftler*innen der Sportökonomie als Expert*innen herangezogen, wenn es um Einschätzungen zu wirtschaftlichen Aspekten des Sports, Diskriminierung im Sport oder die Leistungsbewertung geht.

Haben Sie den Eindruck, dass die Vernetzung mit anderen Fächern einen Mehrwert für Ihr Fach bedeutet? Welche Kooperationsformen sind in diesem Zusammenhang für Sie interessant und mit Blick auf Ihren Fachgegenstand besonders geeignet?

Durch die Disziplinzugehörigkeit zu den Wirtschaftswissenschaften und der Sportwissenschaft ist eine Interdisziplinarität immanent. Entsprechend geben sich Kooperationsmöglichkeiten insbesondere mit der Ökonomie. Themen der Sportökonomie wie Diskriminierung oder Nachhaltigkeit sind dabei nicht nur aus ökonomischer Sicht relevant und spannend, sondern auch für andere Fächer relevant. Wenn Determinanten der Leistungserbringung ermittelt werden, dann sind Befunde für den Sport, die Ökonomie und die Psychologie von Bedeutung. Allgemein lassen sich viele Fragestellungen mit Hilfe von Sportdaten besonders gut beantworten. Denn für keine andere Branche sind Produktnachfrage, objektive individuelle Leistungsdaten, subjektive Leistungsbewertungen und soziodemografische Faktoren so detailliert und öffentlich dokumentiert. In anderen Branchen unterliegen derartige Informationen dem Datenschutz. Entsprechend gibt es großes interdisziplinäres Interesse und Forschungspotential.

Gemeinsame Forschungsarbeiten manifestieren sich sowohl in, meist englischsprachigen, Journal-Publikationen, als auch in gemeinsamen Drittmittelanträgen. Die einschlägigen Fachzeitschriften der Sportökonomie ermöglichen hinsichtlich Metriken wie dem Impact-Faktor eine ungefähre Einordnung der Wertigkeit von Publikationen. Gleichzeitig werden Forschungsergebnisse oftmals in Zeitschriften der allgemeinen Ökonomie publiziert. Dies zeigt die Anschlussfähigkeit und Relevanz von Erkenntnissen an und für die Wirtschaftswissenschaften.

Welche Bedeutung haben außeruniversitäre (Forschungs-)Institute für Ihr Fach?

Das Bundesinstitut für Sportwissenschaft hat die größte Relevanz. Hier ist die Sportökonomie Teil des Fachbereichs für Sport und Gesellschaft. Das Bundesinstitut fördert einerseits auf Basis von Antragsstellung Forschungsprojekte, dokumentiert auf der anderen Seite die Forschungsaktivitäten mit Bezug zur Sportwissenschaft.

Wie sehen Sie die Zukunft Ihres Faches? Welche Entwicklungen und Herausforderungen zeichnen sich für Sie ab? Was wäre Ihres Erachtens für eine positive Entwicklung Ihres Fachs hilfreich?

Da der Sport sich immer weiter kommerzialisiert, sind die Zukunftsperspektiven für die Sportökonomie sehr positiv. So steigen der Bedarf nach gut ausgebildeten Mitarbeiter*innen und somit auch der Bedarf nach Studienplätzen. Da das noch recht junge Fach Sportökonomie primär von vergleichsweise jungen Wissenschaftler*innen beforscht wird, werden aktuellere Themenfelder wie Big Data, ökonometrische Analysen und Machine Learning schon jetzt in Forschung und Lehre berücksichtigt.

Die nicht definitive Disziplinzugehörigkeit stellt die Sportökonomie bisweilen auch vor Herausforderungen. So wird das Fach teils in den Wirtschaftswissenschaften, aber auch der Sportwissenschaft als Exot betrachtet. Dies ist verwunderlich, da die Anschlussfähigkeit in beide Disziplinen hinsichtlich Methoden und Forschungsdesideraten eindeutig gegeben ist. Eine positive zukünftige Entwicklung setzt entsprechend voraus, dass das Fach eine noch größere Akzeptanz an den Hochschulstandorten findet. Hilfreich hierfür wäre, wenn weitere Studiengänge mit Bezug zur Sportökonomie Einzug in den Hochschulen erhalten.

Zukünftige Studiengangentwicklungen werden den immer stärkeren Internationalisierungstendenzen Rechnung tragen (müssen). So sind aktuell Studieninhalte in großen Teilen in deutscher Sprache, was den Zugang für Studierende aus dem Ausland erschwert bis unmöglich macht. Für englischsprachige Studienmodelle spricht, dass die Fachliteratur nahezu ausschließlich in englischer Sprache verfasst ist.

 

((c) C. Deutscher)

Christian Deutscher hat seit dem Jahr 2013 eine Professur für Sportökonomie an der Universität Bielefeld inne. Zuvor war er an der Universität Paderborn, der Deutschen Sporthochschule Köln und in der Wirtschaft tätig. Zu den Forschungsschwerpunkten des von Professor Deutscher geleiteten Arbeitsbereichs zählen Anreizstrukturen in Sportwettbewerben, Verzerrungen in der Leistungsbewertung, psychologische Einflussfaktoren auf Leistung sowie Lohndeterminanten im Spitzensport. Aktuell forscht Professor Deutscher u.a. im von ihm gemeinsam mit Prof. Roland Langrock eingeworbenen DFG-Projekt „Datengestützte Indikation von Betrug bei Live-Wetten“. Zudem fungiert er als Generalsekretär der European Sport Economics Association. Weitere Informationen