1. Ihr Fach gehört zu den sogenannten kleinen Fächern. Bitte stellen Sie uns Ihr Fach in wenigen Sätzen vor.

Die Papyrologie beschäftigt sich mit den auf Papyrus, aber auch Holz, Tonscherben oder anderen Beschreibstoffen überlieferten antiken Originaltexten in griechischer und lateinischer Sprache - so etwa Holztäfelchen aus einem römischen Lager am britannischen Hadrianswall oder Papyrusrollen, die im Jahr 79 n. Chr. durch den Vesuvausbruch in Herculaneum verschüttet wurden. Die Hauptmasse unserer Texte stammt jedoch aus dem trockenen Zonen des Niltals, wo sie in der Zeit zwischen Alexander d. Gr. und der arabischen Eroberung entstanden, als Griechisch für gut 1000 Jahre in Ägypten Amts- und Umgangssprache war. Neben literarischen Papyri, die teilweise die einzigen Zeugen für Werke der großen klassischen Autoren sind, blieben dort vor allem Alltagszeugnisse jeglicher Art erhalten, die uns in einzigartiger Weise über das Leben der 'Kleinen Leute' mit all seinen Facetten aufklären. Die Aufgabe des Papyrologen ist es, diese oft fragmentarischen Schriftstücke zu entziffern und in ihren historischen, rechtlichen, religiösen und sprachgeschichtlichen Kontext einzuordnen, um so ein Bild der damaligen Lebenswirklichkeit zu gewinnen. Dies setzt neben sehr guten Sprachkenntnissen und Grundlagenwissen in all diesen Nachbarfächern vor allem die Lust an Puzzlearbeit sowie Kombinationsgabe und Beharrlichkeit voraus.

2. Welche Rahmenbedingungen an Ihrem Fachstandort wirken sich wesentlich auf Ihre Lehr- und Forschungspraxis aus? Wie beurteilen Sie diese?

Das Heidelberger Institut für Papyrologie im Zentrum für Altertumswissenschaften ist eine der wenigen Einrichtungen weltweit, die neben einer eigenen Sammlung von Papyri und Ostraka mitsamt einer Spezialbibliothek auch über eine universitäre Anbindung verfügt und damit zugleich zur Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses beizutragen vermag. Außerdem werden die wichtigsten Grundlagenprojekte des Faches am Institut betreut. Das Heidelberger Institut hat sich daher zu einem Schwerpunkt der papyrologischen Forschung nicht nur in Deutschland, sondern auch im internationalen Vergleich entwickeln können. Nach alldem könnten die Rahmenbedingungen kaum besser sein, zumal auch sämtliche Nachbarfächer vor Ort vertreten sind. Die Realität ist allerdings eine andere, was bereits mit der Lehre beginnt, da wir keinen eigenen Studiengang haben. Da die angedachte Spezialisierung in einem nicht-konsekutiven Masterstudiengang wiederholt verweigert wurde, sind wir im Wesentlichen im Bereich der sog. Übergreifenden Kompetenzen und der Doktorandenbetreuung tätig, wobei letztere oft auch aus dem Ausland zu uns kommen. Verschärfend wirkt die geringe Kooperationsbereitschaft der Nachbarfächer, im Fall der Klassischen Philologie aufgrund der derzeit rein literaturtheoretischen Ausrichtung, im Fall der Historiker aufgrund der leider allgemeinen Neigung, den sog. Hilfs- oder besser Grundwissenschaften die Anerkennung als eigenständige und wesentliche Teildisziplinen zu versagen. Ein spezielles, allerdings gravierendes Problem sind zudem die Statusfragen. Als Kleines Fach gelangte die Papyrologie nie zu einem Ordinariat und besitzt also keine Ausstattung. Obwohl wir als eine der führenden Einrichtungen weltweit auf internationaler Ebene höchste Anerkennung genießen, leiden wir permanent an einer extremen Unterfinanzierung, was nicht zuletzt auch die Fortführung der Grundlagenprojekte gefährdet, die schon wegen ihres Dauercharakters in der Regel nicht drittmittelfähig sind. Dies hat aber auch Auswirkungen auf die universitäre Hierarchie, in der die - weiterhin vorzugsweise mit Männern besetzten - machtvollen Ordinariate den Ton angeben, ohne dass hier angesichts des verbreiteten Proporzdenkens Aussicht auf Änderung besteht.

3. Was spricht Ihres Erachtens dafür oder dagegen, dass Ihr Fach in der Öffentlichkeit und innerhalb des deutschen Hochschulsystems angemessen wahrgenommen wird?

Dagegen spricht außer den oben genannten Faktoren bereits der Umstand, dass das Fach überhaupt nur an drei Universitäten vertreten ist und zudem als bloße Ergänzungsprofessur eingerichtet wurde. Als sog. Ein-Mann-Fach besitzt es weder die finanziellen noch auch die personellen Ressourcen, ohne zusätzliche Unterstützung von anderer Seite nach außen hin zu wirken. Der allgemeine Trend vom Text zum Bild wirkt sich selbstredend ebenfalls nachteilig auf eine so textbasierte Wissenschaft wie die unsere aus. Andererseits hat sich bei Ausstellungen immer wieder gezeigt, dass unsere Artefakte einige Anziehungskraft entfalten können - weil es um Ägypten geht, es manchmal doch auch Zeichnungen darauf gibt und weil das darin gespiegelte Alltagsleben immer seinen Reiz besitzt. Hinzu kommen die intensiven inter- und transdisziplinären Kontakte, da die inhaltliche Breite und Vielfalt dieses Quellenmaterials uns für viele Nachbarfächer zu einem gefragten Gesprächspartner macht. Abgesehen davon, dass die Mitwirkung in Forschungsverbünden für uns geradezu eine Existenzfrage ist, dürfte der Erfolg des soeben nochmals um vier Jahre verlängerten SFB 933 Materiale Textkulturen nicht zuletzt auch unserem starken Engagement zu danken sein. Die geringe Personaldecke macht es freilich nicht immer leicht, all diesen Erwartungen nachzukommen, zumal unser eigentlicher Bezugspunkt nach wie vor die internationale Fachwelt ist. Dabei steht der hohe Rang, den das Institut aufgrund unserer Forschungsleistung und eben der hier betriebenen Grundlagenprojekte besitzt, in geradezu diametralem Gegensatz zu der Wertschätzung vor Ort, so dass der zwischen beidem geforderte Spagat oft nur mit Mühe zu bewältigen ist.

4. Haben Sie den Eindruck, dass die Vernetzung mit anderen Fächern einen Mehrwert für Ihr eigenes Fach bedeutet?

Welche Kooperationsformen sind in diesem Zusammenhang für Sie interessant und mit Blick auf Ihren Fachgegenstand besonders geeignet? Enge Kontakte mit den Nachbarfächern sind schon deswegen unabdingbar, weil ein rechtes Verständnis der auf Papyrus erhaltenen Texte ohne sie nicht möglich ist - wie man schließlich auch selbst darüber zur Papyrologie gelangt ist. Grundlagenwissen in Gegenstand wie Methode der Nachbarfächer stellt daher eine notwendige, aber nicht ausreichende Voraussetzung dar; für jede intensivere Auseinandersetzung bedarf es der Beiziehung versierter Fachkollegen. Eine institutionalisierte Vernetzung ist dagegen schon wegen der Individualität der Zeugnisse kaum für hilfreich zu halten. Ich gebe nur ein Beispiel: Ich entdecke bei der Entzifferung, dass es sich um einen Kaufvertrag handelt. Da nützt es mir nichts, wenn ich mit Klassischen Philologen vernetzt bin, die sich für Homerpapyri interessieren, mit Althistorikern, die die Bruderkämpfe der Ptolemäer verfolgen, mit Theologen, die der Ausbreitung des Christentums in Ägypten nachgehen, oder mit Ägyptologen, die sich mit demotischen Erzählungen befassen. Bei diesem Papyrus ist vielmehr ein Rechtshistoriker gefragt, was bei dem nächsten völlig anders sein kann (und wird). Wichtig ist ohne jeden Zweifel, dass all diese Fächer vor Ort vertreten sind, die Literatur vorhanden ist und es vor allem Kollegen gibt, die bei allfälligen fachlichen Problemen in Spezialfragen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Besonders hilfreich sind zudem gemeinsame Seminare, in denen sich Fachvertreter verschiedener Fächer aus verschiedenen Blickwinkeln mit denselben oder vergleichbaren Gegenständen befassen. Hinzu kommt der informelle Austausch, durch den man oft auf Dinge aufmerksam wird, die sich zu einem späteren Zeitpunkt unvermutet als Schlüssel erweisen können.

5. Wie sehen Sie die Zukunft Ihres Fachs? Welche Entwicklungen und Herausforderungen zeichnen sich für Sie ab? Was wäre Ihres Erachtens für eine positive Entwicklung Ihres Fachs hilfreich?

Ein grundsätzliches Problem aller Geistes- und Kulturwissenschaften stellt sicherlich die mangelnde Propädeutik an den Schulen dar, die kaum mehr die nötigen Grundkenntnisse in den modernen, geschweige denn den alten Sprachen zu vermitteln vermögen. In den USA war das allerdings noch nie anders, was zeigt, dass dies allein noch nicht das Ende des Faches sein muss. Wird seine Existenzberechtigung jedoch allein an Studierendenzahlen gemessen, ist es in jedem Fall gefährdet, ganz gleich, wie hoch sein Rang im internationalen Vergleich sein mag. Dabei besitzt das Fach durchaus einen Aktualitätsbezug, haben wir in unseren Quellen doch mit einer multikulturellen, multireligiösen und mehrsprachigen Gesellschaft in einem Großreich zu tun. So sind etwa die Grundprinzipien von Verwaltung und Herrschaftsausübung unter solchen Bedingungen modellhaft zu studieren, was zugleich Lösungsansätze für nur scheinbar moderne, tatsächlich aber immer wiederkehrende Probleme bereithalten mag. In jedem Fall bleibt genug zu tun, zumal das Material noch keineswegs erschlossen ist. Aus diesen Grund wäre die Schaffung weiterer Standorte in Deutschland unbedingt wünschenswert, so wegen der dort vorhandenen Sammlungen wie auch Nachbarfächer am ehesten in München und Berlin. Vordringlichste Sorge muss jedoch die dauerhafte oder wenigstens langfristige Sicherung der weltweit als unverzichtbaren Forschungsinstrumente anerkannten Grundlagenprojekte sein, da dies allein die kontinuierliche Erschließung unserer Quellenbestände zu gewährleisten vermag. Die Sorge darum betrifft durchaus auch anderes historisches Quellenmaterial; dabei waren es eben solche Unternehmungen wie die großen Inschriftencorpora oder auch die Monumenta Germaniae Historica gewesen, die Deutschland als Wissenschaftsstandort einst großgemacht und ihm den Neid der anderen Wissenschaftsnationen eingetragen haben - wovon wohlgemerkt wir, aber auch die Geisteswissenschaften insgesamt schließlich noch heute profitieren. Der um die Jahrtausendwende eingeleitete Rückzug der Akademien aus der entsprechenden Förderung hat sich hier äußerst schmerzhaft bemerkbar gemacht, da weder Universitäten noch Drittmittelgeber imstande oder willens sind, in die Bresche zu springen; letztlich scheint sich niemand zuständig zu fühlen. Die unaufhörliche Jagd nach den notwendigen finanziellen Mitteln stellt daher eine besondere Belastung dar, wodurch die ohnehin knappen personellen Ressourcen nochmals zusätzlich aufgebraucht werden. Abgesehen davon, dass dies in keinem vernünftigen Verhältnis zueinander steht, würde eine langfristige Sicherung zweifellos noch ganz neue Perspektiven eröffnen - nicht nur für die Papyrologie selbst, sondern auch für all die anderen, keineswegs wenigen Fächer, die mit der so einzigartigen papyrologischen Überlieferung aus Ägypten zu tun haben.

Andrea Jördens ist seit 2004 Professorin für Papyrologie an der Ruprecht-Karl-Universität Heidelberg. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind unter anderem Antike Wirtschafts-, Sozial- und Verwaltungsgeschichte sowie Kommunikation und Interaktion in vormodernen Gesellschaften.