Fernsehstudio der Journalistik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Quelle: Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt

1. Ihr Fach gehört zu den sogenannten kleinen Fächern. Bitte stellen Sie uns Ihr Fach in wenigen Sätzen vor.

Die Journalistik ist - pragmatisch formuliert - die Wissenschaft vom Journalismus. Sie entwickelte sich in Deutschland in den 1970er/1980er Jahren als Disziplin aus der allgemeinen Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, die sich mit der Mediengesellschaft und der medialen Durchdringung fast aller Bereiche des gesellschaftlichen Lebens wie Politik, Wirtschaft, Erziehung, Sport oder Kultur beschäftigt. Die Journalistik unterscheidet sich von der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft durch ihren Fachgegenstand sowie den Berufs- und Ausbildungsbezug. Sie setzt sich wissenschaftlich-analytisch und reflektierend mit Journalismus in der Gesellschaft auseinander. Im Wesentlichen gibt es zwei Dimensionen der Journalistik: das Studiengangmodell und den Forschungszweig. Die Studiengänge Journalistik haben den Anspruch, alle journalistischen Kompetenzen integrativ zu vermitteln und damit Theorie und Praxis des Journalismus zusammenzuführen. Kennzeichend ist zudem eine Vernetzung in Lehre und Studium mit vielen anderen Fächern: zum Beispiel mit der Politikwissenschaft, weil Journalismus als Schlüsselberuf für die Demokratie gilt, mit dem Medienrecht oder mit den Fachgebieten, über die Journalisten berichten (z.B. in Form von Wirtschaftsjournalismus, Kulturjournalismus, Sportjournalismus oder Wissenschaftsjournalismus). Der Forschungszweig der Journalistik, der auch als Journalismusforschung bezeichnet wird, untersucht die Regeln und Arbeitsweisen des Journalismus und analysiert in einem auf die Kommunikationsverhältnisse der Gesellschaft bezogenen Kontext, was Journalismus leistet, wie Journalismus wirkt und unter welchen Bedingungen er dies tut. Wichtige Themen sind beispielsweise Qualität und Ethik des Journalismus, Rahmenbedingungen wie Pressefreiheit oder Finanzierung des Journalismus oder der Wandel des Journalismus durch die Digitalisierung der Medienwelt. Journalistik-Wissenschaftler bemühen sich um eine Integration von Journalistenausbildung und Journalismusforschung - also von Lehre und Forschung - und sehen ihre Disziplin als "berufsorientierte Wissenschaft", die zur journalistischen Profession ein ähnliches Verhältnis entwickeln kann wie die Medizin zum Arztberuf.

2. Welche Rahmenbedingungen an Ihrem Fachstandort wirken sich wesentlich auf Ihre Lehr- und Forschungspraxis aus? Wie beurteilen Sie diese?

An der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt ist die Journalistik seit Gründung im Jahr 1983 mit zwei Lehrstühlen und seit einer Erweiterung 2012 mit einer weiteren Professur vertreten. Kennzeichen der Lehre war von Anfang an die Verknüpfung von Theorie und Praxis. In einem eigenen Studiogebäude, mit Praxis-Lehrkräften und vielen Lehrbeauftragten aus Redaktionen sind optimale praktische Ausbildungsbedingungen für alle Medienbereiche Print, Hörfunk, Fernsehen und Internet gegeben. Etliche bekannte Journalisten und Redaktionsleiter haben den Grundstein für ihre Karriere in Eichstätt gelegt. Zugleich genießt die Eichstätter Journalistik einen guten Ruf, weil sie in Forschungsprojekten national und international vernetzt ist, Forschungsmittel akquiriert, in hochklassigen Journals und Buchreihen veröffentlicht, sich in Fachgesellschaften engagiert und nicht zuletzt dafür bekannt ist, dass sie exzellente Nachwuchswissenschaftler ausbildet: In den vergangenen 15 bis 20 Jahren sind sieben Universitätsprofessoren und einige Fachhochschulprofessoren aus der Eichstätter Journalistik hervorgegangen.

3. Was spricht Ihres Erachtens dafür oder dagegen, dass Ihr Fach in der Öffentlichkeit und innerhalb des deutschen Hochschulsystems angemessen wahrgenommen wird?

Das Fach Journalistik hat unter den kleinen Fächern vielleicht eine Sonderstellung, weil es sich ja mit Öffentlichkeit und der Herstellung von Öffentlichkeit beschäftigt. Insofern wird es von der Öffentlichkeit vermutlich intensiver wahrgenommen als andere Fächer: Journalistik-Wissenschaftler äußern sich in Gastbeiträgen und Interviews in aktuellen Massenmedien oder auf Social Media häufiger als Vertreter anderer kleiner Fächer. Aber natürlich ist die Präsenz der Journalistik in der Öffentlichkeit nicht vergleichbar mit großen sozialwissenschaftlichen Fächern wie der Politikwissenschaft oder der Soziologie. Sowohl in der Öffentlichkeit als auch im Hochschulsystem erschwert eine nicht konsistente Verwendung von Fachbezeichnungen die Wahrnehmung: Journalistik-Wissenschaftler werden dann z.B. als "Medienwissenschaftler" bezeichnet, was umgangssprachlich für Laien leicht zu vermitteln, aber fachlich völlig unkorrekt ist, denn die Medienwissenschaft hat eine kulturwissenschaftliche Tradition und erforscht in erster Linie historische und ästhetische Aspekte der Medien - im Gegensatz zur sozialwissenschaftlichen und gesellschaftlichen Orientierung der Journalistik und der Kommunikationswissenschaft. Die Wahrnehmung des Faches im Hochschulsystem für junge Menschen und potenzielle Studierende wird durch die Digitalisierung und Ausdifferenzierung der Medienwelt erschwert: Es gibt inzwischen eine Fülle von (beruflichen und nicht-beruflichen) Tätigkeiten, die "irgendwas mit Medien" zu tun haben - und entsprechend viele Studieninteressenten, die "irgendwas mit Medien" lieber studieren, als sich von vorne herein auf den Beruf des Journalismus zu konzentrieren (es gibt inzwischen in Deutschland über 800 Studiengänge, die mit "Medien" zu tun haben). Gleichwohl zeigt sich in Absolventenstudien, dass die vielfältigen Kompetenzen, die im Journalistik-Studium vermittelt werden, für viele Berufe qualifizieren und Studierende nicht alleine auf eine spätere Tätigkeit im Journalismus angewiesen sind. Aber natürlich fokussiert das Studium in erster Linie auf den Journalismus, und Absolventenstudien zeigen, dass die meisten Absolventen im Journalismus arbeiten. 

4. Haben Sie den Eindruck, dass die Vernetzung mit anderen Fächern einen Mehrwert für Ihr eigenes Fach bedeutet? Welche Kooperationsformen sind in diesem Zusammenhang für Sie interessant und mit Blick auf Ihren Fachgegenstand besonders geeignet?

In der Lehre gibt es traditionell eine Vielzahl von Vernetzungen mit diversen Fächern (vgl. die Antwort auf die erste Frage), die zwingend nötig sind und auch an vielen Standorten intensiv genutzt werden. Vernetzungen in der Forschung ergeben sich naturgemäß vor allem mit einer Vielzahl an Teildisziplinen der Kommunikationswissenschaft. Hier ist es von Vorteil, dass die Journalistik keine eigene Fachgesellschaft hat, sondern innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft eine Fachgruppe bildet, die sich "Journalistik/Journalismusforschung" nennt. Auch in den internationalen Fachgesellschaften wie der ECREA (European Communication Research and Education Association) oder der ICA (International Communication Association) ist die Journalistik unter der Bezeichnung "Journalism Studies" als eigene Division integriert.

5. Wie sehen Sie die Zukunft Ihres Fachs? Welche Entwicklungen und Herausforderungen zeichnen sich für Sie ab? Was wäre Ihres Erachtens für eine positive Entwicklung Ihres Fachs hilfreich?

Wie auch der Forschungsgegenstand Journalismus ist die Disziplin Journalistik durch die Digitalisierung der Gesellschaft und der Medienwelt enorm herausgefordert. Auf den nationalen und internationalen wissenschaftlichen Fachkonferenzen wird eine "Neujustierung" der Journalistik vor diesem Hintergrund immer wieder intensiv diskutiert: Theorien werden weiterentwickelt oder entstehen neu; empirische Methoden werden verfeinert oder vor dem Hintergrund von "Big Data" neu entwickelt. Die wissenschaftliche Analyse beginnt schon bei der Frage, was heutzutage überhaupt "Journalismus", wer "Journalist" ist: Ist es weiterhin eine (haupt-)berufliche Tätigkeit oder beteiligt sich nicht schon jedermann an "Journalismus", wenn er aktuelle Themen in Social Media darstellt, kommentiert oder weiterleitet? Der Erfolg der wissenschaftlichen Fachzeitschriften auf internationaler (z.B. Journalism seit 2000, Journalism Studies seit 2000, Journalism Practice seit 2007, Digital Journalism seit 2013) wie auf nationaler Ebene (Journalistik seit 2018) trägt zur Profilierung des Faches bei. Von grundsätzlicher Bedeutung ist die Wertschätzung von und Vertrauen in beruflichen Journalismus in der Gesellschaft. Demokratien sind ohne qualitativ hochwertigen Journalismus und als dessen Basis die Meinungs- und Pressefreiheit nicht möglich. In Diktaturen und dort, wo gegenwärtig demokratische Regierungsformen in autoritäre kippen, gerät Journalismus zunehmend unter Druck. Der Kampf gegen freiheitlichen, aufklärerischen Journalismus ist ein Kernaspekt des Populismus jeglicher politischen Prägung: Journalisten werden verunglimpft (wie zurzeit z.B. durch den us-amerikanischen Präsidenten), verhaftet (wie zurzeit z.B. in der Türkei) oder bedroht (wie zurzeit z.B. durch rechtsnationale Bewegungen in Deutschland wie Pegida oder AfD). Journalistenausbildung ist - aufgrund der Pressefreiheit und der negativen Erfahrungen mit staatlichen Eingriffen in Studium und Ausbildung von Journalisten in Diktaturen - in freiheitlichen Demokratien wie in Deutschland oder den USA nicht staatlich geregelt. Verschiedene Ausbildungsmodelle - darunter auch das Journalistik-Studium - stehen in Konkurrenz und müssen sich bewähren. Dabei ist weitgehend unumstritten, dass die Journalistik als Studiengang und als Forschungsprogramm zur Professionalisierung des unabhängigen Journalismus in der Demokratie beiträgt. Ein Ausbau der universitären Journalistik als akademische Berufsbildung von Journalisten ist deshalb besonders wünschenswert - gerade in einer Zeit, in der Journalismus unter Legitimierungsdruck steht und Qualität nicht nur leisten, sondern immer wieder auch öffentlich belegen muss.

Professor Klaus Meier. Quelle: Quelle: Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Dr. Klaus Meier ist seit 2011 Professor für Journalistik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und war dies davor an der Technischen Universität Dortmund (2009/10) und der Hochschule Darmstadt (2001 bis 2009). Er ist Träger des Ars legendi-Preises für exzellente Hochschullehre des Stifterverbands für die Wissenschaft und der Hochschulrektorenkonferenz 2017 und Autor und Herausgeber verschiedener Lehrbücher und Überblickswerke zur Journalistik, z.B. "Journalistik" (4. Auflage 2018), "La Roches Einführung in den praktischen Journalismus" (zusammen mit Gabriele Hooffacker, 20. Auflage 2017), "Journalismusforschung" (Herausgeber zusammen mit Christoph Neuberger, 2. Auflage 2016). Weitere Infos unter journalistik.ku.de oder klaus-meier.net.