Quelle: Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Wie ist es bei den kleinen Fächern um internationale Forschungskooperationen bestellt? Welche Rolle spielen Unterschiede wie Fachgröße, Forschungsgegenstand oder Fachkultur mit Blick auf internationale Aktivitäten?

Eine 2016 veröffentlichte Studie der Mainzer Arbeitsstelle gibt Antworten zur Internationalisierung der Forschung kleiner Fächer. Den kleinen Fächern wird vielfach eine stark international ausgerichtete Forschung und Vernetzung attestiert. Dabei lassen sich für diese These v. a. zwei Argumente anführen:

Inhaltlich spricht für eine starke internationale Vernetzung, dass viele kleine Fächer ihren Forschungsgegenstand im europäischen oder außereuropäischen Ausland haben und somit äußerst interessiert an Kooperationen mit Forscherinnen und Forschern der jeweiligen Zielregion sind. Gedacht sei hier vor allem an zahlreiche kleine geisteswissenschaftliche Fächer wie die außereuropäischen und europäischen Sprach- und Literaturwissenschaften, die Regionalwissenschaften und regionale Kunstgeschichte, die Archäologien, die Alten Kulturen und Sprachen, die Religionswissenschaften sowie einzelne kleine Geschichts- und Kulturwissenschaften, bspw. die Osteuropäische Geschichte.

Strukturell gesehen liegt eine stark international ausgerichtete Zusammenarbeit bei kleinen Fächern darüber hinaus insofern auf der Hand, als die Vertreterinnen und Vertreter dieser Fächer innerhalb Deutschlands nur relativ wenige Kolleginnen und Kollegen aus dem eigenen Fach finden. Sie sind somit weitaus mehr als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den großen Fächern auf Kooperationen ins Ausland angewiesen.

Diese beiden Argumente zusammenfassend haben bereits die Autorinnen und Autoren der 2010 veröffentlichten Studie „Die internationale Positionierung der Geisteswissenschaften in Deutschland“ resümiert:

„Je internationaler der eigene Forschungsgegenstand angelegt ist und je kleiner die Scientific Community in diesem Forschungsbereich ist, umso höher wird die Notwendigkeit zur Internationalisierung eingeschätzt und umso internationaler setzt sich das eigene Forschungsnetzwerk zusammen“ (Behrens et al., IV).

Dieses Ergebnis wird auch durch die 2016 von der Mainzer Arbeitsstelle Kleine Fächer publizierte Untersuchung bestätigt, welche sich der Internationalisierung der Forschung in den kleinen Fächern widmet und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) in Auftrag gegeben wurde (Kerner et al. 2016). 

Über den Befund hinaus, dass nahezu alle befragten Fachvertreterinnen und Fachvertreter der Partizipation an internationalen Forschungsaktivitäten sowie internationalen Kooperationen einen sehr hohen Stellenwert beimessen, fragt die Mainzer Studie vertiefend u. a. nach diesbezüglichen strukturellen Unterschieden innerhalb der Gruppe kleiner Fächer. 

Der Einfluss der geografischen Lage des Forschungsgegenstands

Als ein erstes Resultat lässt sich auf Grundlage einer standardisierten Befragung aller Professorinnen und Professoren kleiner Fächer die Annahme bestätigen, dass der geografischen Position des Forschungsgegenstands eine äußerst hohe Bedeutung nicht nur bezogen auf die selbsteingeschätzte Intensität internationaler Forschungsaktivitäten sondern auch bezüglich der angegebenen Ausrichtung des (internationalen) Forschungsnetzwerks beizumessen ist. So sind nach eigenen Aussagen besonders diejenigen international forschungsaktiv, deren Fachgegenstand sich im außereuropäischen Ausland befindet. Im Kontrast dazu ordnen sich Vertreterinnen und Vertreter jener kleiner Fächer, deren Fachgegenstand auf Deutschland bezogen ist, durchschnittlich deutlich niedriger mit Blick auf den eigenen Internationalisierungsgrad ein. Erwartungsgemäß setzt sich entsprechend auch das Forschungsnetzwerk verstärkt aus Kolleginnen und Kollegen der Regionen zusammen, in denen der Fachgegenstand angesiedelt ist. Dabei gilt es u. a. zu berücksichtigen, dass der Zugang zu Forschungsgegenständen im Ausland teilweise an die Kooperation mit Institutionen und Akteuren in der Zielregion gebunden ist. 

Die Bedeutung der Fachgröße

Bezüglich der Größe eines Faches ist bemerkenswert, dass die kleinen Fächer nicht nur im Vergleich zu größeren Fächern eine hohe Affinität zu einer international ausgerichteten Forschung zeigen, sondern dass auch innerhalb der Gruppe der kleinen Fächer noch entsprechende Tendenzen zu beobachten sind. So schätzen Vertreterinnen und Vertreter sehr kleiner Fächer – d. h. von Fächern mit weniger als sechs Professuren an deutschen Universitäten – den eigenen Internationalisierungsgrad deutlich höher ein als jene anderer kleiner Fächer. Entsprechend zeigt sich zudem, dass mit zunehmender Anzahl der innerdeutschen Fachstandorte der selbsteingeschätzte Internationalisierungsgrad sinkt.

Fachkulturelle Unterschiede zwischen den kleinen Natur- und Geisteswissenschaften

Hinsichtlich der Frage, welche Rolle die unterschiedlichen Fachkulturen mit Blick auf die Internationalität der Forschung und die internationale Zusammenarbeit spielen, sind im Rahmen der Mainzer Studie v. a. die Ergebnisse aus leitfadengestützten Interviews mit einzelnen Fachvertreterinnen und Fachvertretern, Dekaninnen und Dekanen sowie Hochschulleitungen aufschlussreich. Während unabhängig von der Fachkultur eine grundsätzlich positive Einstellung gegenüber internationalen Forschungsaktivitäten besteht und sowohl die Fachvertreterinnen und Fachvertreter selbst als auch die befragten Universitäts-, Fachbereichs- und Fakultätsleitungen diese in hohem Maße in den kleinen Fächern verwirklicht sehen, entspringen die internationalen Aktivitäten in den geistes- und naturwissenschaftlichen kleinen Fächern zum Teil unterschiedlichen Motiven und werden unterschiedlich realisiert sowie bewertet.

Beobachten lässt sich dabei zunächst, dass die befragten Akteure aus den geistes- und naturwissenschaftlichen Fächern die internationale Ausrichtung ihrer Forschung in Zusammenhang mit der eigenen Fachidentität auf verschiedene Weise einordnen. So werden internationale Forschungsprojekte in den Naturwissenschaften nahezu ausschließlich in interdisziplinären Arbeitsgruppen realisiert, in welchen die fachliche Abgrenzung untereinander nach Aussage der Befragten keine Rolle spielt. Zudem geben die Vertreterinnen und Vertreter der naturwissenschaftlichen kleinen Fächer an, dass die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern im europäischen und außereuropäischen Ausland häufig durch pragmatische Überlegungen motiviert sei, bspw. durch den Zugang zu bestimmten Forschungsinfrastrukturen und -daten, zu spezifischen Kompetenzen, Materialien oder aber durch besondere finanzielle Anreize.

Für die Vertreterinnen und Vertreter der geisteswissenschaftlichen kleinen Fächer ist das Interesse an internationalen Kooperationen auf der einen Seite zwar ebenfalls primär durch die eigenen Forschungsinteressen bestimmt. Auf der anderen Seite spielen für die Geisteswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler Überlegungen zum Erhalt der eigenen fachlichen Identität in Zusammenhang mit internationalen Forschungsaktivitäten aber durchaus eine Rolle. So erachten sie es überwiegend als notwendig, dass die eigene fachliche Spezialisierung auch im Kontext von interdisziplinär arbeitenden Zusammenschlüssen bewahrt bleibt. 1Zudem verstehen die geisteswissenschaftlichen Fachvertreterinnen und Fachvertreter internationale Kooperationen als Möglichkeit zur Vertiefung disziplinärer Fragestellungen und somit als ein wichtiges Mittel zum Erhalt der eigenen Spezialwissenschaft.

Während die Vertreterinnen und Vertreter kleiner naturwissenschaftlicher Fächer ein besonderes Interesse an Forschungskooperationen in die USA zeigen, welches nach eigenen Aussagen sowohl durch den hohen amerikanischen Forschungsstandard als auch durch besondere finanzielle Anreize motiviert ist, gilt das Kooperationsinteresse der geisteswissenschaftlichen Forschenden vornehmlich jenen Weltregionen, in denen der eigene Forschungsgegenstand beheimatet ist. Betont wird dabei, dass die internationale Ausrichtung der Forschung - im postkolonialistischen Sinne - v.a. ein „Forschen miteinander“ und nicht ein „Forschen über“ sein sollte, so dass der Kooperation selbst eine hohe Bedeutung zugesprochen wird.

Dieser Unterschied zwischen den kleinen Natur- und Geisteswissenschaften spiegelt sich auch in der Bedeutung des Englischen als dominierende Wissenschaftssprache wider. So ist die Diskussion über die Vorherrschaft des Englischen in den Naturwissenschaften längst abgeschlossen und aus Sicht der Befragten von nachrangiger Bedeutung. Für die kleinen Geisteswissenschaften hat diese Frage hingegen durchaus Brisanz. Denn gerade für die sprachlich, kulturell und literaturwissenschaftlich ausgerichteten Fächer spielt die Wissenschaftskommunikation und v. a. die Publikation der Forschungsergebnisse in den Sprachen der jeweiligen Kooperationsländer eine große Rolle.

In Summe wird an den Selbstauskünften der Befragten aus den kleinen Geistes- und Naturwissenschaften deutlich, dass die Begriffe „Internationalität“ und „Internationalisierung“ in den jeweiligen Fachkulturen teils unterschiedliche Ausdeutungen und Ausgestaltungen erfahren. So hat es – grob umrissen – den Eindruck, dass die internationale Vernetzung in den kleinen Naturwissenschaften in hohem Maße an den Gedanken von internationalen Standards geknüpft ist und idealiter auf eine globale Angleichung der weltweiten Forschung hinausläuft. Demgegenüber stellt die internationale Zusammenarbeit der kleinen Geisteswissenschaften zu großen Teilen darauf ab, der Diversität von Forschungstraditionen und -kulturen in der Welt gerecht zu werden.

Als ein letztes Ergebnis sei an dieser Stelle festgehalten, dass die relative Kleinheit der untersuchten Fächer und damit die Überschaubarkeit der eigenen Scientific Community die internationale Vernetzung v. a. auf der informellen Ebene erleichtert. Deutlich schwerer haben es die kleinen Fächer hingegen, wenn es um die Institutionalisierung bzw. langanhaltende Pflege dieser Kontakte geht, die angesichts der geringen personellen Ressourcen vieler Fachstandorte eine besondere Herausforderung darstellt. Insofern sind kleine Fächer auf die Unterstützung der Universitäten und Hochschulpolitik angewiesen, um aufgebaute Kooperationen über längere Zeiträume und ggf. auch über Krisen in den Partnerregionen hinweg pflegen und ausbauen zu können.

Als Fazit lässt sich daher ziehen, dass viele kleine Fächer das Potenzial haben, auf Grund ihrer weltweiten Partnerschaften die internationale sowie globale Ausrichtung der Universitäten und des deutschen Bildungssystems deutlich voranzutreiben. Die unterschiedlichen Internationalisierungsstrategien der naturwissenschaftlichen und geisteswissenschaftlichen Fächer lassen sich dabei in beiderseitiger Ergänzung nutzen.

Literatur

  • Behrens, Julia; Fischer, Lars; Minks, Karl-Heinz; Rösler, Lena: Die internationale Positionierung der Geisteswissenschaften in Deutschland.
  • Hochschulrektorenkonferenz (2012): Kleine Fächer an den deutschen Universitäten interdisziplinär und international. Ergebnisse eines HRK-Projekts. [Abschlusstagung zum HRK-Projekt "Kartierung der Kleinen Fächer" in Berlin am 2. Dezember 2011]. Bonn: HRK.
  • Kerner, Maximilian; Cramme, Anna; Bahlmann, Katharina; Weik, Jonas Aljoscha; Hoffmann, Stefanie; Briker, Roman et al. (2016): Abschlussbericht des Projekts Beitrag und Chancen der "Kleinen Fächer" aus der Internationalisierung - Schwerpunkt Europäisierung - auf die Organisation und die Grundlagen der "Kleinen Fächer". Mainz: Zentrum für Qualitätssicherung und -entwicklung (ZQ) (Mainzer Beiträge zur Hochschulentwicklung, Bd. 22).

Fußnoten

  1. Die damit beschriebenen Unterschiede bezüglich des disziplinären Selbstverständnisses innerhalb der jeweiligen Fachkultur decken sich auch mit den Befunden, welche das Team der Mainzer Arbeitsstelle Kleine Fächer  unter folgendem Titel veröffentlicht hat: Bahlmann, Katharina/Cramme, Anna/Dreyer, Mechthild/Schmidt, Uwe (2015): Das Selbstverständnis der kleinen (geisteswissenschaftlichen) Fächer im zeitlichen Vergleich. In: Dieter Lamping (Hg.): Geisteswissenschaften heute. Die Sicht der Fächer. Stuttgart: Kröner Verlag, S. 376-399.  »