Pfeilerfundamente der Dominikanerklosterkirche in Berlin-Mitte aus dem 14. Jahrhundert, dazwischen eingebaut aus Ziegeln gemauerte Grüfte des 16. bis 18. Jahrhunderts; im Hintergrund die abzubrechenden Treppentürme des Palastes der Republik. Foto: Michael Malliaris, Landesdenkmalamt Berlin.

1. Ihr Fach gehört zu den sogenannten kleinen Fächern. Bitte stellen Sie uns Ihr Fach in wenigen Sätzen vor.

Die Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit erforscht archäologische Überreste dieser Zeit und setzt sie mit ihrem historischen Kontext in Bezug. Je nach Fragestellung kann diese Interpretation wirtschaftshistorisch geleitet sein, kulturell, religiös, soziologisch oder politisch; es geht also um das Mittelalter und die Neuzeit aus archäologischer Perspektive. Kernthemen sind z. B. der mittelalterliche Landesausbau, Siedlungs- bzw. Stadtentwicklung, Religiösität und Glaubenspraktiken, Burgenbau oder Handwerk sowie Herstellung und Gebrauch von Objekten.

Der zeitliche Rahmen des Fachs setzt im Frühmittelalter an und überschneidet sich daher gelegentlich mit dem zeitlichen Ende des Fachs Ur- und Frühgeschichte. Das andere Ende der chronologischen Klammer bildet die Zeitgeschichtliche Archäologie, die sich vorrangig den Relikten des Zweiten Weltkrieges oder des Kalten Krieges widmet.

Die Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit beschäftigt sich also mit einer Zeitspanne, die geprägt ist durch die sog. dichte Überlieferung. Die Archäologinnen und Archäologen dieser Zeit meinen damit die Vielzahl von Quellen, die mit dem Verlauf des Mittelalters und der Neuzeit kontinuierlich ansteigen: archäologische Quellen unterschiedlichster Materialien (z. B. Keramik, Metall, Glas, Textilien, Knochen oder auch Kunststoffe), Schriftquellen (z. B. Urkunden, Inventare, Briefe, Zeitungen), Bildquellen (z. B. Buchmalerei, Pläne, Fotografien) und in der Zeitgeschichtlichen Archäologie auch die mündliche Überlieferung. Nach Möglichkeit werden alle diese Quellen gemeinsam auf die Fragestellung hin untersucht. Durch diese Arbeitsweise ergibt sich eine sehr enge Verschneidung mit den Fächern Geschichte, Ethnologie und Kunstgeschichte.

Eine Vielzahl von Methoden steht dem Fach zur Verfügung. Sie zeigen, dass die Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit an der Schnittstelle von Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft liegt und stark interdisziplinär ausgerichtet ist. Die archäologische Ausgrabung ist dabei die Kernmethode, die durch geophysikalische Prospektionsmethoden wie Georadar oder Geomagnetik oder die Luftbildarchäologie ergänzt wird. Das Alter von organischen Funden wird bestimmt (z. B. Radiokarbondatierung) oder die Herkunft von Menschen oder Tieren mittels Isotopenanalysen an Skelettresten ergründet. Botanische Reste und zoologisches Knochenmaterial werden identifiziert. Anorganische Gegenstände werden auf ihre Bestandteile hin untersucht (z. B. Röntgenfluoreszenzanalyse, Massenspektrometrie) und Herstellungsmethoden oder Provenienz der Gegenstände erforscht. Die naturwissenschaftlichen Methoden werden dabei in der Regel von Spezialistinnen und Spezialisten an entsprechenden Instituten oder Laboren durchgeführt, die das Fundmaterial nach der Ausgrabung erhalten. Die Aufgabe der Archäologinnen und Archäologen ist es dann, die naturwissenschaftlichen Analyseergebnisse mit den Auswertungen der anderen Quellengattungen zu kontextualisieren und gemeinsam zu interpretieren. Dann schreiben sie zur Geschichte des Mittelalters und der Neuzeit aus archäologischer Perspektive.

Das Fach ist derzeit an fünf Universitäten vertreten, wobei die zeitliche Gewichtung unterschiedlich ist. In Freiburg liegt der Schwerpunkt auf dem Früh- und Hochmittelalter, in Tübingen und Halle-Wittenberg auf dem Mittelalter und der Frühen Neuzeit. In Bamberg und Kiel werden Mittelalter und Neuzeit vollständig inklusive der Zeitgeschichte abgedeckt. In den letzten Jahren wird die Bezeichnung Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit gelegentlich durch den Begriff Historische Archäologie ersetzt, womit die Archäologie einer Zeit der dichten Überlieferung gemeint ist. So gibt es in Kiel den Studiengang Prähistorische und Historische Archäologie.

Archäologinnen und Archäologen des Mittelalters und der Neuzeit können nach dem Studienabschluss in der Bodendenkmalpflege arbeiten, in Museen (im Bereich Sammlungsmanagement, Kuration, Vermittlung, Öffentlichkeitsarbeit), an Universitäten oder außeruniversitären Forschungseinrichtungen (Lehre und Forschung), oder bei einer der zahlreichen Ausgrabungsfirmen, die archäologische Dienstleistungen (z. B. für Bauträger) anbieten. Sie können als Wissenschaftsjournalisten oder Wissenschaftsjournalistinnen arbeiten oder im Verlagswesen (Redaktion, Lektorat).

2. Welche Rahmenbedingungen wirken sich wesentlich auf Ihre (Forschungspraxis)/Tätigkeiten aus? Wie beurteilen Sie diese?

Forschung zur Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit wird derzeit an fünf Universitätsstandorten geleistet. Obwohl es darüber hinaus mehrere außeruniversitäre archäologische Forschungseinrichtungen gibt (zum Beispiel das Deutsche Archäologische Institut), ist nur eines davon derzeit offen für die Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit (das Niedersächsische Institut für historische Küstenforschung). Auch für Forschungsförderung sind die Rahmenbedingung denkbar ungünstig. Die Fachsystematik der Deutschen Forschungsgemeinschaft enthält das Fach Ur- und Frühgeschichte, nicht aber das Fach Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit. Auch im Fachkollegium ist das Fach nicht vertreten, was zur Marginalisierung des Fachs beiträgt.

Demgegenüber steht ein enormer Reichtum an archäologischem Fundmaterial, das in den Denkmalämtern und Museen inzwischen zur Verfügung steht. Als Folge veränderter Denkmalschutzgesetze und ihrer Anwendung ist in den letzten Jahren die Anzahl der Ausgrabungen von mittelalterlichen und neuzeitlichen Funden und Befunden enorm gestiegen, so dass heute inzwischen etwa 50 % aller Ausgrabungen in Deutschland diese Zeitstufen betreffen. Die anderen 50 % der Ausgrabung entfallen auf die älteren Epochen der Menschheitsgeschichte. Setzt man diese Entwicklung der Grabungsrealität in Bezug mit der Entwicklung der Lehrstühle und Fächer an den Universitäten wird die enorme Schieflage der Fächergewichtung deutlich. Die Ur- und Frühgeschichte ist mit 43 Professuren an 25 Standorten vertreten, die Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit, wie bereits erwähnt, mit vier Professuren an fünf Standorten. Dieses enorme Ungleichgewicht zeigt, wie wenig flexibel Universitäten und Länder auf die Anforderungen des Arbeitsmarkts reagieren.

3. Was spricht Ihres Erachtens dafür oder dagegen, dass Ihr Fach in der Öffentlichkeit und innerhalb der deutschen Hochschulsystems angemessen wahrgenommen wird?

Archäologische Projekte und Ausgrabungen sind häufig in den Medien zu finden. Das öffentliche Interesse ist groß. Allerdings sind es mehrheitlich Themen aus der Urgeschichte, der Frühgeschichte oder der Römerzeit, die vermittelt werden. Aus dem Mittelalter und der Neuzeit wird deutlich weniger berichtet. Viele Menschen verbinden mit dem Begriff Archäologie nach wie vor Ausgrabungen von "Altem", sie haben Menschen der Steinzeit, Kelten oder Römer vor Augen. Hier brauchen wir mehr Unterstützung durch die Medien, auch jüngere Themen zu präsentieren. Auch die Art der Berichterstattung ist oft ungünstig. Schlagzeilen betonen oft wie archäologische Ausgrabungen Bauverzögerungen und Unkosten verursachen anstelle den Beitrag zur Erforschung unseres kulturellen bzw. historischen Erbes in den Mittelpunkt zu stellen und anzuerkennen. Aber auch wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind gefordert unsere Arbeit zum Mittelalter und zur Neuzeit mehr und auch offensiver zu vermitteln. Stark in der Öffentlichkeit stehen aber Ausgrabungen von Relikten aus dem Zweiten Weltkrieg. Sehr viele Menschen nehmen daran Anteil und begrüßen die archäologische Arbeit, die einen enorm wichtigen Teil zur Aufklärung und Sichtbarmachung von Verbrechen der Zeit des Nationalsozialismus leistet.

4. Welche Kooperationsformen und Vernetzungen sind für Sie interessant und mit Blick auf Ihre Tätigkeit besonders geeignet?

Die Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit ist per se ein Fach, das sehr interdisziplinär angelegt ist. Unser Quellenbestand wird mit jeder archäologischen Ausgrabung vergrößert. Funde werden mit naturwissenschaftlichen Methoden bezüglich ihrer Herstellung, ihres Handels und ihrer Nutzung analysiert. Die Ergebnisse werden im historischen Kontext interpretiert und darüber hinaus eingebettet in Theorien und Modelle benachbarter Fächer wie der Ethnologie, der Historischen Geographie oder der Kunstgeschichte.

Inzwischen füllt die Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit auch Lücken auf, die durch andere Fächer kaum mehr abgedeckt sind. Alltagsgegenstände des letzten Jahrtausends wie Kochgeschirr, Knochenabfälle oder Eisenwerkzeuge liegen z. B. selten im Fokus von Vertretern und Vertreterinnen der Kunstgeschichte, die sich in ihrer Objektarbeit überwiegend auf repräsentatives Kunsthandwerk konzentrieren. Auch mit der Neuorientierung der Europäischen Ethnologie hin zu zeitgeschichtlichen gesellschaftlichen Fragen ist hinsichtlich der objektbasierten Forschung zur historischen Alltagskultur eine Lücke entstanden, die großteils nur noch von der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit zu füllen versucht wird. Auch Fragen zu Tod, Bestattung und Sepulkralkultur, die durch die vielen Ausgrabungen von mittelalterlichen oder neuzeitlichen Gräbern bzw. Friedhöfen zentral für das Fach sind, werden fast nur noch von der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit untersucht.

Ganz eng ist das Fach mit den Landesämtern für Denkmalpflege der Bundesländer vernetzt. Sie koordinieren die vielen Ausgrabungen, die täglich im Zuge der Umsetzung der Denkmalschutzgesetze durchgeführt werden und übermitteln Studierenden und Forschenden Fundmaterial und Grabungsdokumentationen, die an den Universitäten ausgewertet werden. Weitere Vernetzungspartner sind die vielen Museen, die Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit vermitteln, oder auch manchmal an die Stelle von Kommunalarchäologien treten.

5. Wie sehen Sie die Zukunft Ihres Fachs? Welche Entwicklungen und Herausforderungen zeichnen sich für Sie ab? Was wäre Ihres Erachtens für eine positive Entwicklung Ihres Fachs hilfreich?

Die Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit ist ein Fach, das nicht nur essentiell für den Erhalt unseres kulturellen Erbes ist, sondern für das auch eine gesetzlich vorgegebene Notwendigkeit besteht. In den Bundesländern werden Denkmalschutzgesetze umgesetzt, die die Ausgrabung, Dokumentation und Bewahrung von Fundstellen und Funden erfordern. Die Auswertung dieser Relikte erfolgt zum größten Teil durch Studierende, Lehrende und Forschende an den Universitäten. Durch den enormen Anstieg an Grabungen, die das Mittelalter und die Neuzeit betreffen, und die nach wie vor viel zu geringe Zahl an Lehrenden, Forschenden und Studierenden gibt es aber inzwischen einen enormen Quellenstau, der zu den größten Herausforderungen des Faches zählt. Ein großes Problem ist zudem, dass die Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit derzeit nur an fünf Universitäten vertreten ist, obwohl etwa 50 % aller Ausgrabungen heute diese Zeitstellung betreffen. In Nord- und Mitteldeutschland gibt es jeweils nur einen Universitätsstandort. Es ist dringend notwendig, dass mehr Lehrstühle und Stellen geschaffen werden. Dringend notwendig ist es auch, dass die verschiedenen archäologischen Fächer gemeinsam bei der Entwicklung ihrer Curricula über eine adäquate Lehre für die Studierenden nachdenken. Kaum eine Universität bietet derzeit eine lückenlose Lehre vom Paläolithikum bis zur zeitgeschichtlichen Archäologie an, obwohl inzwischen auch zeitgeschichtliche Relikte zu den Bodendenkmälern zählen und ausgegraben werden.

Natascha Mehler forscht am Deutschen Schifffahrtsmuseum Bremerhaven, Leibniz-Institut für maritime Geschichte, und am Zentrum für baltische und skandinavische Archäologie in Schleswig. Sie habilitierte 2014 an der Universität Wien und vertritt das Fach Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit international in verschiedenen Gremien.