Quelle: Olaf Kramer

1. Ihr Fach gehört zu den sogenannten kleinen Fächern. Bitte stellen Sie uns Ihr Fach in wenigen Sätzen vor.

Das Fach Allgemeine Rhetorik beschäftigt sich mit Fragen rund um wirkungsorientierte Kommunikationsverfahren. Von der klassischen Rede vor Publikum über literarische Texte bis hin zum Social Media-Auftritt sind hier ganz unterschiedliche Phänomene für unsere Untersuchungen interessant. Gemeinsam ist allen diesen Phänomenen jedoch, dass sie nicht einfach allgemeiner kommunikativer Art sind, sondern dass in ihnen ein strategisches Moment steckt, durch das einzelne Akteure oder Gruppen sozialen und gesellschaftlichen Einfluss erreichen möchten. Wer bei uns studiert, lernt dabei sowohl die Grundlagen dieser 2500 Jahre alten Disziplin kennen als auch moderne, zum Beispiel psychologisch geprägte Theorien. Das Besondere an der Rhetorik ist, dass sie sich mit allen möglichen Bereichen des alltäglichen Lebens beschäftigt, sofern hier Menschen versuchen, andere von etwas zu überzeugen oder Einstellungen zu beeinflussen.

2. Welche Rahmenbedingungen an Ihrem Fachstandort wirken sich wesentlich auf Ihre Lehr- und Forschungspraxis aus? Wie beurteilen Sie diese?

Tübingen ist als Universität mit einer langen geisteswissenschaftlichen Tradition ein guter Ort für Rhetorik als wissenschaftliche Disziplin. Dabei ist das Fach Rhetorik alt und jung zugleich, wenn man bedenkt, dass es bereits 1496 eine Professur für Beredsamkeit und Dichtkunst in Tübingen gab, es allerdings erst im Jahr 1967 zur Gründung des heutigen Instituts kam. Damals war der Gründer Walter Jens ein intellektueller Magnet, dessen Name auch bis heute noch eine gewisse Anziehungskraft besitzt. Natürlich hat sich das Institut seit dem stark weiterentwickelt. Nach wie vor sind wir jedoch der einzige universitäre Standort für das Fach Rhetorik in ganz Deutschland, was uns auch ein schönes Alleinstellungsmerkmal verleiht. In den letzten Jahren hat sich die Rhetorik dabei immer auch mit großen Projekten hervorgetan. So ist mit dem elfbändigen "Historischem Wörterbuch der Rhetorik" in den letzten Jahrzehnten das wohl umfassendste Kompendium zur Geschichte der Rhetorik entstanden. Mit der Gründung der Forschungsstelle Präsentationskompetenz hat sich die Rhetorik zudem in den letzten Jahren auch im Bereich der Präsentationsforschung positioniert und die Wissenskommunikation als neues Forschungsfeld erschlossen. Bundesweite Outreachprojekte wie die "Science Notes" und "Jugend präsentiert" zeugen von der Dynamik des Instituts, das auch mit den Tübinger Medien- und Literaturwissenschaftlern sowie dem Bildungsforschernetzwerk LEAD kooperiert. In der sogenannten Brecht Bau Bibliothek steht zudem eine in Deutschland einmalige Sammlung rhetorischer Forschungsliteratur bereit.

3. Was spricht Ihres Erachtens dafür oder dagegen, dass Ihr Fach in der Öffentlichkeit und innerhalb des deutschen Hochschulsystems angemessen wahrgenommen wird?

Rhetorik hatte in Deutschland lange Zeit verständlicherweise einen schweren Stand - zum einen ist dies bedingt durch die politische Geschichte des 20. Jahrhunderts, zum anderen durch das alltagssprachliche Verständnis von Rhetorik, das häufig Schönrederei oder inhaltslose Übertreibung hinter diesem Begriff vermutet. Und natürlich ist der Streit um den Stellenwert der Rhetorik im Kampf der wissenschaftlichen Disziplinen untereinander bereits in der Antike vielfach thematisiert worden, so galten Philosophie und Rhetorik lange Zeit als Konkurrenz-Wissenschaften. Durch unsere moderne Forschung und auch durch bestimmte gesellschaftliche Entwicklungen ändert sich dies aber stark - so werden beispielsweise an das Institut oft auch Wünsche nach politischen Einordnungen und Kommentierungen von Reden oder anderen kommunikativen Phänomenen herangetragen. Wir sind durch eine von der Klaus Tschira Stiftung finanzierte Forschungsstelle Präsentationskompetenz mittlerweile auch in Schulen präsent und schlagen gleichzeitig die Brücke zur Wissenskommunikation in den Naturwissenschaften. Rhetorik hat mittlerweile in wirtschaftlichen und politischen Kontexten einen viel positiveren Ruf - da weckt das Seminar für Allgemeine Rhetorik oft auch große Neugierde. Das sind alles schöne Zeichen für eine breite gesellschaftliche Akzeptanz, vor allem aber eine deutliche Wahrnehmung der Relevanz unserer Forschung. Natürlich wünschen wir uns hier für die Zukunft noch weitere Verbreitung unserer Theorieansätze und insbesondere auch eine stärkere internationale Vernetzung.

4. Haben Sie den Eindruck, dass die Vernetzung mit anderen Fächern einen Mehrwert für Ihr eigenes Fach bedeutet? Welche Kooperationsformen sind in diesem Zusammenhang für Sie interessant und mit Blick auf Ihren Fachgegenstand besonders geeignet?

Rhetorik lebt von der Vernetzung mit anderen Fächern, das liegt schon an dem Fachgegenstand unserer Forschung, wie bereits Aristoteles festhält. Da es Rhetorik mit Fragen zu tun hat, die in alle Fachbereiche ausgreifen können und nicht nur an eine Disziplin gebunden sind, ist der Austausch mit anderen Fächern aus inhaltlicher und methodischer Sicht für uns zentral. Gerade auf methodischer Ebene bieten sich hier Kooperationsformen an, die unsere Forschungsmöglichkeiten nochmals fundamental erweitern und unseren Kooperationspartnern zugleich spannende und vor allem alltagsrelevante Fragestellungen bieten. Ein Beispiel ist hier empirische, quantitative Forschung. Diese Methodik gehört nicht zum klassischen Ansatz einer Geisteswissenschaft, bereichert unser Fach jedoch enorm, etwa wenn wir Wirkungsforschung betreiben wollen. Umgekehrt liefern wir als Rhetoriker eine Perspektive auf viele Untersuchungsbereiche anderer Disziplinen, die deren Themen nochmals an aktuelle gesellschaftliche Debatten anbinden kann und für andere Fächer innovative Kategoriensysteme bereitstellt. Ich denke hier an Fächer wie die Psychologie, die Kognitionswissenschaft oder empirisch forschende Kommunikationswissenschaften. Aber auch der Bereich der Wirtschaftswissenschaften ist für uns ein interessanter und wichtiger Bereich. Klassische interdisziplinäre Verbindungen ergeben sich zudem zu Fächern wie Philosophie, Theologie und Literaturwissenschaft, den Kulturwissenschaften oder einzelnen Philologien.

5. Wie sehen Sie die Zukunft Ihres Fachs? Welche Entwicklungen und Herausforderungen zeichnen sich für Sie ab? Was wäre Ihres Erachtens für eine positive Entwicklung Ihres Fachs hilfreich?

Unser Fach wird sich keine Sorgen über die Relevanz unserer Inhalte machen müssen - die gegenwärtigen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen national wie international sind hier ein gutes Beispiel, wie wichtig das Nachdenken über strategische Kommunikation und das Gestalten einer diskursiven Öffentlichkeit sind. Viel eher wird es darauf ankommen, genug Ressourcen zur Verfügung zu haben, diesen Forschungsherausforderungen auch gerecht zu werden. Auf absehbare Zeit wird sich unser Alleinstellungsmerkmal in Deutschland wohl nicht ändern, daher benötigen wir weitere Forschungsprojekte, um uns um all die noch offenen Felder kümmern zu können, die ich oben bereits angedeutet habe. Weiterentwicklungen eines Faches sind hier natürlich auch immer an die Größe des Instituts gebunden - wir haben im Augenblick zwei Professuren und eine Seniorprofessur - ein Ausbau dieser Kapazitäten wäre auf jeden Fall ein bedeutender Schritt. Daneben wird es aber viel auf Zusammenarbeit und Forschungskooperationen ankommen, um die angesprochene Interdisziplinarität weiter auszubauen.

Olaf Kramer ist Professor für Rhetorik und Wissenskommunikation am Seminar für Allgemeine Rhetorik und geschäftsführender Direktor des Instituts sowie Leiter der Forschungsstelle Präsentationskompetenz. Zu seinen wichtigsten Forschungsfeldern gehören Science Communication, Kommunikative Kompetenz, Politische Kommunikation sowie Digitale Rhetorik und Virtualität. Im Jahr 2016 wurde O. Kramer auf die Klaus Tschira Professur für Rhetorik und Wissenskommunikation berufen.